Microsoft
Coffee Table Book
Unter den Linden 17 war ein Auftrag von Microsoft. Über das Gebäude, das zur Hauptstadtrepräsentanz des IT-Unternehmens umgebaut wurde, sollte ein aufwendiges Coffeetable-Book erscheinen – und ich durfte die Texte dazu schreiben.
Inhaltlich tauchte ich in die vergangenen Jahrhunderte Berlins und der Allee Unter den Linden ein. Dabei lernte ich auch die Vorbesitzer des Prachtbaus kennen und erfuhr von ihnen einige über die wechselnden Funktionen des Hauses. Tatsächlich überstand das Haus als eines der wenigen den Zweiten Weltkrieg.
Ein spannendes Thema mit viel Recherche.
Leseprobe
Unter den Linden entwickelt sich Ende des 18. Jahrhunderts zu einer Prachtallee der Hauptstadt Preußens. Dabei bilden das Zeug- und das Kommandantenhaus den östlichen Abschluss der Straße. Zur Verschönerung des westlichen Teils der Promenade veranlasst Friedrich der Große zwischen 1770 und 1785 die palastähnliche Gestaltung der Bürgerhäuser. In diesem Zeitraum wird auch der Vorgängerbau des Hotel Carlton errichtet. In der Lindenrolle, dem berühmten Panorama der Straße, wurde der Bau mit einer sieben Fenster breiten Fassade abgebildet.
Um 1802 erwirbt Anton Sala, ein italienischer Kaufmann, Tarone ge-nannt, das Anwesen, das mit drei Anschriften im Adressbuch verzeichnet ist: Unter den Linden 32, Charlottenstraße 29 und Rosmarin-straße 1. Der Hoflieferant eröffnet hier ein Dorado für Feinschmecker und bietet seinen Gästen Spezialitäten aus seiner Heimat an.
Literarisch hält das Restaurant Einzug in E.T.A. Hoffmanns Novellen »Die Fermate« und »Die Brautwahl. Der Schriftsteller soll seinerzeit selbst ein Stammgast des Lokals gewesen sein, das von der herrschaftlichen Gesellschaft Berlins besucht wird. Auch Heinrich Heine und Karl Gutzkow erwähnen »Austern-Sale-Tarone« in ihren Werken, und Theodor Fontane lässt hier das dritte Kapitel seines historischen Romans »Schach von Wuthenow« spielen.
Im Lauf der kommenden Jahrzehnte wechselt das Gebäude Unter den Linden 32 mehrfach innerhalb der italienischen Familie seinen Besitzer. Um 1830 wird es erstmals als Gasthof Meinhardt in den Archiven geführt. [ … ]
Ein Mix aus Gotik, Renaissance und Jugendstil
Mit großem Geschick kombinieren die Architekten bei der Planung des Hotel Carlton Elemente der Gotik, der deutschen Renaissance und des Jugendstils. Sie entwerfen eine reich verzierte, sandsteinver-kleidete Fassade, deren Pracht die einladende Wirkung eines Hotels erster Klasse unterstreicht. Seine dekorativen Reliefs wie die Tierdarstellungen und filigranen Ornamente von Bäumen und Zweigen fallen in dem Straßenbild auf und heben sich von den umliegenden strengen Renaissancepalästen der Banken und Geschäftshäuser ab.
Besonders ins Auge sticht auch die Sandsteinstatue eines Merkur, der in einer Nische an der Gebäudeecke auf einer Weltkugel steht. In der griechischen Mythologie wird er Hermes gleichgesetzt und ist ein Sohn des Zeus. Seine Erkennungsmerkmale sind Flügelschuhe, Kappe und Heroldstab. Am Hotel Carlton trägt der Gott der Händler und Beschützer der Reisenden nur die Flügelschuhe. Den Stab könnte der Götterbote in einer der Hände gehalten haben, die heute fehlen. Der Sage nach rührt er mit dem Stab Götter und Menschen an, um uber ihren Schlaf zu wachen – für das Hotel Carlton das perfekte Symbol, um seinen Gästen das Gefühl von Schutz zu vermitteln.
In dem Luxushotel stehen 100 elegant eingerichtete Zimmer für Reisende zur Verfügung. Zwischen 3,50 und 20 Mark kostet eine Über-nachtung. Frühstück gibt es für 1 Mark. Mit den Zimmerpreisen liegt das Hotel im oberen Preissegment. Im Vergleich: Um die Jahrhundertwende kostet ein Liter Milch 16 Pfennig, ein Ei 5,5 Pfennig und ein Pfund Kalbfleisch 68 Pfennig.
Doch nicht nur das Carlton ist ein Anziehungspunkt für vornehme Fremde, höhere Militärs und Abgeordnete, auch das dazu gehörende Restaurant Astoria mit seiner exquisiten Küche nimmt bei der feinen Gesellschaft eine bedeutende Position ein. »Hast du schon mai im Astoria gegessen? Nein, aber ich habe schon mal gemöcht«, heißt es unter den Feinschmeckern. [ … ]